Darmkeime bei Kindern
Viren, Bakterien und ihre Bedeutung
Was steckt hinter einem Magen-Darm-Infekt?
In unserem Darm leben Milliarden von Mikroorganismen. Die meisten davon sind nützlich: Sie unterstützen unsere Verdauung, schützen die Darmschleimhaut und helfen unserem Immunsystem.
Daneben gibt es Krankheitserreger, die Durchfall, Erbrechen und Bauchschmerzen auslösen können.
Die meisten Magen-Darm-Infekte im Kindesalter werden durch Viren verursacht und heilen innerhalb weniger Tage von selbst aus. Manchmal finden wir bei einer Stuhluntersuchung jedoch Bakterien oder bestimmte bakterielle Giftstoffe. Nicht jeder positive Laborbefund bedeutet eine gefährliche Erkrankung – und nicht jeder nachgewiesene Keim muss behandelt werden.
Auf dieser Seite erklären wir die wichtigsten Darmkeime, ihre Bedeutung und die möglichen Konsequenzen für die Behandlung Ihres Kindes.
1. Viren – die häufigsten Auslöser
Rotaviren
Rotaviren verursachen vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern ausgeprägte Magen-Darm-Infektionen.
Typisch sind wässriger Durchfall, Erbrechen, Fieber und Bauchschmerzen. Bei kleinen Kindern kann der Flüssigkeitsverlust erheblich sein.
Gegen Rotaviren gibt es eine wirksame Schluckimpfung im Säuglingsalter. Sie schützt besonders vor schweren Krankheitsverläufen.
Noroviren
Noroviren sind ausgesprochen ansteckend. Häufig erkranken innerhalb kurzer Zeit mehrere Familienmitglieder oder Kinder einer Gemeinschaftseinrichtung.
Typisch ist ein plötzlich einsetzendes, oft heftiges Erbrechen, begleitet von Durchfall und Bauchkrämpfen. Die Beschwerden klingen meist nach ein bis drei Tagen ab.
Gut zu wissen: Schon wenige Viruspartikel können eine Infektion auslösen. Gründliches Händewaschen und sorgfältige Hygiene sind deshalb besonders wichtig.
Adenoviren
Bestimmte Adenoviren, insbesondere die Typen 40 und 41, können länger anhaltende Durchfallerkrankungen verursachen. Im Gegensatz zu Noroviren steht häufig der Durchfall im Vordergrund, während Erbrechen weniger ausgeprägt sein kann.
Gut zu wissen: Adenoviren können auch Atemwegsinfekte oder Bindehautentzündungen verursachen. Nicht jeder Adenovirusnachweis bedeutet deshalb automatisch eine Darminfektion.
Weitere Darmviren
Auch Astroviren und Sapoviren können Magen-Darm-Infekte auslösen. Sie verursachen überwiegend mildere, selbstlimitierende Erkrankungen.
Wie werden Virusinfektionen behandelt?
Eine spezielle antivirale Therapie ist normalerweise nicht erforderlich. Entscheidend sind der Ersatz von Flüssigkeit und Elektrolyten sowie eine frühzeitige Rückkehr zur altersgerechten Ernährung.
2. Bakterien
Bakterielle Darminfektionen sind im Kindesalter seltener als virale Infektionen. Sie können jedoch stärkere Bauchschmerzen, Fieber, schleimige oder blutige Durchfälle verursachen.
Ein positiver Bakteriennachweis bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Antibiotika notwendig sind.
Salmonellen
häufig durch Lebensmittel übertragen
Salmonellen können beispielsweise über unzureichend erhitzte Eier, Geflügel oder andere verunreinigte Lebensmittel übertragen werden.
Typische Beschwerden:
- Durchfall, Bauchkrämpfe und Fieber
- Gelegentlich Übelkeit und Erbrechen
- Beschwerden über mehrere Tage
Bei ansonsten gesunden Kindern heilt eine Salmonelleninfektion meist ohne Antibiotika aus.
Gut zu wissen: Antibiotika sind nur in besonderen Situationen erforderlich, beispielsweise bei schweren oder invasiven Infektionen sowie bei bestimmten Risikopatienten.
Campylobacter
häufiger als viele denken
Campylobacter-Bakterien gehören zu den häufigsten bakteriellen Durchfallerregern.
Die Übertragung erfolgt besonders über nicht ausreichend erhitztes Geflügelfleisch, Rohmilch oder verunreinigte Lebensmittel.
Typisch sind:
- Bauchschmerzen, teilweise sehr ausgeprägt
- Fieber und Durchfall
- Gelegentlich Blut im Stuhl
Meist heilt die Infektion von selbst aus. Bei schweren oder besonderen Krankheitsverläufen kann eine gezielte antibiotische Behandlung notwendig sein.
Shigellen
hochansteckende bakterielle Darminfektion
Shigellen verursachen eine entzündliche Darminfektion, die auch als bakterielle Ruhr bezeichnet wird.
Typisch sind:
- Fieber und ausgeprägte Bauchkrämpfe
- Häufige, manchmal nur kleine Stuhlentleerungen
- Schleimiger oder blutiger Durchfall
Bereits sehr geringe Erregermengen können eine Infektion auslösen.
Anders als bei vielen anderen Darminfekten ist bei einer Shigelleninfektion häufig eine gezielte Antibiotikatherapie sinnvoll. Die Auswahl richtet sich auch nach der Resistenzlage.
Yersinien
wenn Bauchschmerzen an eine Blinddarmentzündung erinnern
Yersinien können Durchfälle, Fieber und stärkere Bauchschmerzen verursachen. Besonders bei älteren Kindern liegen die Schmerzen manchmal im rechten Unterbauch.
Dadurch kann eine Yersinieninfektion eine Blinddarmentzündung vortäuschen.
Die meisten Infektionen heilen ohne Antibiotika aus.
3. Escherichia coli
Die meisten E.-coli-Bakterien gehören zur normalen Darmflora des Menschen. Sie leben dort, ohne Beschwerden zu verursachen. Bestimmte Varianten besitzen jedoch besondere Eigenschaften, durch die sie eine Darminfektion auslösen können.
Entscheidend ist deshalb nicht allein der Nachweis von E. coli, sondern die Frage:
E.-coli-Varianten
Die wichtigsten krankmachenden E.-coli-Typen:
Bezeichnung | Bedeutung |
|---|---|
EPEC | Kann Durchfall verursachen, besonders bei Kleinkindern |
ETEC | Bildet Giftstoffe, die wässrige Durchfälle auslösen; typischer Reisedurchfall |
EAEC | Kann anhaltende oder wiederkehrende Durchfälle verursachen |
EIEC | Dringt in die Darmschleimhaut ein und kann entzündliche, auch blutige Durchfälle verursachen |
STEC / EHEC | Bildet Shigatoxine; kann blutige Durchfälle und ein Hämolytisch urämisches Syndrom (HUS / Nierenversagen) verursachen |
Nicht jeder Nachweis eines dieser Erregertypen erklärt zwingend die Beschwerden. Besonders bei EPEC und EAEC ist eine Besiedlung ohne relevante Erkrankung möglich.
EHEC und STEC – wenn Bakterien gefährliche Giftstoffe bilden
EHEC steht für enterohämorrhagische Escherichia coli. Die Bezeichnung STEC beschreibt E.-coli-Bakterien, die sogenannte Shigatoxine bilden können. Diese Giftstoffe können die Darmschleimhaut und in schweren Fällen auch kleine Blutgefäße schädigen.
Die Infektion beginnt häufig mit Bauchschmerzen und Durchfall. Im weiteren Verlauf kann der Stuhl blutig werden.
HUS – eine seltene, aber ernste Komplikation
Das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) ist eine seltene Komplikation bestimmter STEC-Infektionen. Dabei können die Shigatoxine vor allem kleine Blutgefäße schädigen. Besonders betroffen sind häufig die Nieren.
Kennzeichnend sind:
- Blutarmut (Anämie): Rote Blutkörperchen werden geschädigt und abgebaut.
- Verminderte Blutplättchen (Thrombozytopenie): Die Zahl der Blutplättchen sinkt.
- Nierenschädigung: Die Nierenfunktion kann sich innerhalb kurzer Zeit verschlechtern.
Warnzeichen nach einer Durchfallerkrankung
Warnzeichen: Wenn Ihr Kind zu wenig Urin ausscheidet
Das wichtigste Warnzeichen ist eine deutlich verminderte Urinausscheidung!
Achten Sie bei jeder Durchfallerkrankung darauf, ob Ihr Kind regelmäßig Wasser lässt beziehungsweise die Windel ausreichend nass ist.
Wenn Ihr Kind über 6–8 Stunden keinen Urin ausscheidet oder die Urinmenge deutlich abnimmt, ist eine umgehende ärztliche Abklärung erforderlich.
Dahinter kann eine Austrocknung (Exsikkose) durch den Flüssigkeitsverlust stecken. Selten kann nach einer bakteriellen Darminfektion, insbesondere durch EHEC/STEC, auch eine ernste Nierenschädigung (HUS) entstehen.
Weitere Warnzeichen sind auffallende Blässe, ungewöhnliche Müdigkeit, zunehmende Schwäche, Schwellungen oder neue Blutergüsse.
Gut zu wissen:
Die Urinausscheidung lässt sich von Eltern besonders gut beobachten und ist ein wichtiger Hinweis auf den Flüssigkeitshaushalt und die Nierenfunktion ihres Kindes. Bei Säuglingen und schwer kranken Kindern sollte eine ärztliche Abklärung bereits früher erfolgen.
Warum kein Antibiotika?
Bei einer vermuteten oder nachgewiesenen STEC-/EHEC-Infektion werden Antibiotika in der Regel vermieden. Antibiotika können die Freisetzung von Shigatoxinen fördern und möglicherweise das Risiko für ein HUS erhöhen.
Auch Medikamente, die den Durchfall unterdrücken, sind bei dieser Infektion ungeeignet.
4. Clostridioides difficile
Clostridioides difficile, früher Clostridium difficile, ist ein Bakterium, das im Darm vorkommen kann. Unter bestimmten Bedingungen, insbesondere nach einer Antibiotikatherapie, kann es sich stark vermehren und Giftstoffe bilden.
Diese Toxine können eine ausgeprägte Darmentzündung verursachen.
Typisch sind:
- Wässrige, teilweise lang anhaltende Durchfälle
- Bauchschmerzen und gelegentlich Fieber
- Beginn während oder nach einer Antibiotikabehandlung
Besonderheit bei Säuglingen und Kleinkindern
Gerade im Säuglingsalter lässt sich Clostridioides difficile häufig nachweisen, ohne dass das Kind dadurch erkrankt ist. Ein positiver Stuhlbefund bedeutet deshalb bei kleinen Kindern keineswegs automatisch eine behandlungsbedürftige Infektion.
Bei Kindern unter zwei Jahren wird die Bedeutung des Nachweises besonders zurückhaltend beurteilt. Bei Säuglingen sind entsprechende Untersuchungen normalerweise nicht sinnvoll und nur in besonderen Ausnahmefällen angezeigt.
Bei älteren Kindern mit passender Symptomatik kann hingegen eine echte Infektion vorliegen, die gegebenenfalls gezielt behandelt werden muss.
5. Enterokokken
Enterokokken gehören zur normalen menschlichen Darmflora. Sie finden sich bei gesunden Kindern ebenso wie bei Erwachsenen und verursachen im Darm normalerweise keine Erkrankung.
Gut zu wissen: Der Nachweis von Enterokokken im Stuhl ist für sich genommen kein Hinweis auf eine Darminfektion und normalerweise kein Grund für eine Behandlung.
Enterokokken können außerhalb des Darms, beispielsweise bei bestimmten Harnwegsinfektionen, durchaus Krankheitserreger sein.
6. Darm-Parasiten
besonders nach Reisen
Vor allem nach Fernreisen, bei länger anhaltenden Beschwerden oder bestimmten Ansteckungssituationen berücksichtigen wir auch einzellige Parasiten.
Giardia lamblia (Lamblien)
Giardien können länger anhaltende oder wiederkehrende Durchfälle verursachen.
Typisch sind Blähungen, Bauchschmerzen, übelriechende Stühle und gelegentlich eine unzureichende Gewichtszunahme.
Bei Beschwerden und gesichertem Nachweis kann eine gezielte Behandlung erforderlich sein.
Cryptosporidien
Cryptosporidien sind mikroskopisch kleine Darmparasiten, die über verunreinigtes Wasser oder engen Kontakt übertragen werden können.
Bei gesunden Kindern heilt die Erkrankung häufig von selbst aus. Bei immungeschwächten Kindern sind auch schwere oder langwierige Verläufe möglich.
7. Stuhluntersuchung
was bedeutet der Laborbefund?
Eine Stuhluntersuchung kann sinnvoll sein bei:
Blutigen oder ungewöhnlich schweren Durchfällen
- Länger anhaltenden Beschwerden
- Verdacht auf bestimmte bakterielle Infektionen
- Durchfällen nach Antibiotikabehandlungen
- Erkrankungen nach Auslandsreisen
- Wiederholten Erkrankungen innerhalb einer Familie oder Gemeinschaftseinrichtung
- Kindern mit besonderen Vorerkrankungen oder geschwächtem Immunsystem
Die wichtigsten Laborbefunde auf einen Blick
| Nachgewiesener Keim | Was bedeutet das? |
|---|---|
| Rotaviren | Häufiger Durchfallerreger, keine Antibiotika |
| Noroviren | Sehr ansteckend, heilt meist von selbst |
| Adenoviren 40/41 | Können länger anhaltenden Durchfall auslösen |
| Salmonellen | Meist selbstlimitierend |
| Campylobacter | Meist selbstlimitierend, gelegentlich Antibiotika |
| Shigellen | Gezielte Behandlung häufig erforderlich |
| EPEC / EAEC | Bedeutung abhängig von Beschwerden und Alter |
| STEC / EHEC | Zeitnahe ärztliche Abklärung wegen HUS-Risiko |
| Clostridioides difficile | Nachweis allein beweist keine Erkrankung |
| Enterokokken | Normale Darmbewohner, meist ohne Bedeutung |
| Giardia lamblia | Bei Beschwerden meist gezielt behandelbar |
Moderne PCR-Verfahren können auch kleinste Mengen genetischen Materials eines Krankheitserregers nachweisen. Ein positiver PCR-Nachweis bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich noch vermehrungsfähige Krankheitserreger im Darm befinden.
Gut zu wissen: Wir beurteilen einen Stuhlbefund deshalb immer gemeinsam mit dem Alter des Kindes, seinen Beschwerden und dem bisherigen Krankheitsverlauf.
Bei bestimmten Krankheitserregern, insbesondere EHEC/STEC, gelten besondere hygienische und gesetzliche Vorgaben. Hier können auch nach Abklingen der Beschwerden weitere Stuhlkontrollen notwendig sein.
8. Was können Sie zuhause tun?
Unabhängig vom Erreger steht bei den meisten Magen-Darm-Infekten die Vermeidung einer Austrocknung im Vordergrund.
Ausreichend Flüssigkeit und Elektrolyte ersetzen, bei stärkerem Verlust bevorzugt mit einer geeigneten oralen Rehydratationslösung aus der Apotheke.
Säuglinge weiter stillen oder mit der gewohnten Säuglingsnahrung ernähren.
Frühzeitig wieder altersgerecht essen, sobald das Kind dazu bereit ist.
Auf gründliche Händehygiene achten.
Erkrankte Kinder während der ansteckenden Krankheitsphase nicht in Kindergarten oder Schule schicken.
Wann sollten Sie sich melden?
Bei Blut im Stuhl, ausgeprägten Bauchschmerzen, wiederholtem Erbrechen ohne ausreichende Flüssigkeitsaufnahme, auffallender Müdigkeit oder deutlich verminderter Urinausscheidung ist eine rasche ärztliche Untersuchung notwendig. Schwer beeinträchtigte Kinder müssen unmittelbar in einer Kinderklinik untersucht werden.
Gut zu wissen:
Unser Darm ist ein komplexes Ökosystem aus vielen verschiedenen Mikroorganismen. Die meisten dieser Keime sind nicht schädlich, sondern gehören zu einer gesunden Darmflora.
Auch nach einem Magen-Darm-Infekt regeneriert sich dieses natürliche Gleichgewicht normalerweise von selbst.
Nicht jeder nachgewiesene Darmkeim verursacht eine Erkrankung. Und nicht jede bakterielle Darminfektion muss mit Antibiotika behandelt werden. Entscheidend ist, welchen Erreger wir nachweisen, welche Beschwerden Ihr Kind hat und ob ein besonderes Komplikationsrisiko besteht.
In unserer kinderärztlichen Praxis besprechen wir die notwendigen Maßnahmen mit Ihnen und entscheiden, ob weitere Untersuchungen oder eine gezielte Behandlung sinnvoll sind.