Nahrungsmittelallergien
Vieles ist harmloser, als der Allergietest vermuten lässt
Wenn ein Kind nach dem Essen rote Flecken bekommt, über Jucken im Mund klagt oder im Allergietest ein erhöhter Wert auffällt, entsteht schnell Sorge: Darf mein Kind dieses Lebensmittel überhaupt noch essen? Besteht sogar die Gefahr einer Anaphylaxie?
Die beruhigende Nachricht: Nicht jede Reaktion auf ein Lebensmittel ist eine Allergie – und nicht jede Sensibilisierung ist gefährlich. Gerade bei Kindern finden wir im Blut immer wieder IgE-Antikörper gegen Nahrungsmittel, die trotzdem problemlos vertragen werden.
Deshalb gilt auch hier: Wir behandeln nicht den Laborwert, sondern das Kind.
Kuhmilcheiweiß
... meist mit guter Prognose
Die Kuhmilcheiweißallergie gehört zu den typischen Nahrungsmittelallergien des Säuglings- und frühen Kleinkindalters. Sie ist nicht mit der Laktoseintoleranz zu verwechseln: Bei der Allergie reagiert das Immunsystem auf Eiweiße der Kuhmilch, bei der Laktoseintoleranz kann Milchzucker nicht ausreichend verdaut werden.
Dabei gibt es unterschiedliche Formen. Eine IgE-vermittelte Kuhmilchallergie verursacht meist rasch nach dem Verzehr Beschwerden wie Quaddeln, Schwellungen, Erbrechen oder Atemwegsreaktionen. Selten kann es auch zu einer Anaphylaxie kommen.
Daneben gibt es insbesondere bei Säuglingen nicht-IgE-vermittelte Reaktionen. Die Beschwerden treten verzögert auf und betreffen häufiger den Magen-Darm-Trakt. Ein klassischer Allergietest kann dabei völlig unauffällig sei
Die Kuhmilcheiweißallergie hat im Kindesalter häufig eine gute Prognose. Viele Kinder entwickeln mit zunehmendem Alter eine natürliche Toleranz – besonders bei nicht-IgE-vermittelten Formen. Deshalb sollte in Abständen überprüft werden, ob die Allergie überhaupt noch besteht.
Interessant ist außerdem: Manche Kinder vertragen Kuhmilcheiweiß bereits in stark erhitzter bzw. verbackener Form, beispielsweise in einem gut durchgebackenen Gebäck, obwohl sie auf weniger stark erhitzte Milch noch reagieren. Ob eine solche Einführung sinnvoll und sicher ist, entscheiden wir nach der bisherigen Reaktion und dem individuellen Allergierisiko.
Bei Säuglingen muss auf einen geeigneten Milchersatz geachtet werden.
Hühnerei
– häufig vorübergehend
Auch die Hühnereiallergie beginnt meist früh und verliert sich bei vielen Kindern im weiteren Verlauf.
Interessant ist auch hier: Manche Kinder reagieren auf wenig erhitztes Ei, vertragen aber Ei in gut durchgebackenen Lebensmitteln. Ob und in welcher Form Ei wieder eingeführt werden kann, sollte individuell beurteilt werden.
Eine einmal diagnostizierte Hühnereiallergie bedeutet deshalb keineswegs automatisch lebenslangen Eiverzicht.
Erdnuss
– genauer hinschauen
Bei der Erdnussallergie sind wir zurückhaltender. Sie bleibt häufiger bestehen und Erdnüsse gehören bei Kindern zu den wichtigen Auslösern schwerer allergischer Reaktionen.
Gerade hier ist die moderne Komponentendiagnostik hilfreich.
Ein positiver Erdnusstest sagt zunächst nur, dass eine Sensibilisierung besteht. Antikörper gegen stabile Speicherproteine – insbesondere Ara h 2 – sprechen wesentlich stärker für eine echte Erdnussallergie. Eine isolierte Reaktion gegen das birkenverwandte Ara h 8 passt dagegen häufig zu einer Kreuzreaktion bei Birkenpollenallergie und verursacht eher Beschwerden im Mund- und Rachenraum.
So können wir das individuelle Risiko wesentlich besser einordnen.
Karotte, Apfel & Co.
– häufig Kreuzallergien
Ein positiver Test gegen Karotte, Apfel, Pfirsich, Haselnuss oder Sellerie bedeutet ebenfalls nicht automatisch eine eigenständige Nahrungsmittelallergie.
Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit Birkenpollenallergie erkennt das Immunsystem manchmal ähnliche Eiweißstrukturen in pflanzlichen Lebensmitteln. Typisch sind dann Kribbeln, Jucken oder ein pelziges Gefühl im Mund nach rohem Obst oder Gemüse.
Gekocht werden diese Lebensmittel häufig problemlos vertragen, weil manche dieser Eiweiße hitzeempfindlich sind.
Weizen
– Allergie ist nicht Zöliakie
Auch beim Weizen lohnt sich eine genaue Unterscheidung. Eine Weizenallergie, eine Zöliakie und andere Formen einer Weizenunverträglichkeit sind unterschiedliche Erkrankungen und erfordern eine unterschiedliche Diagnostik.
Deshalb sollte eine gluten- oder weizenfreie Ernährung bei Kindern nicht auf Verdacht begonnen werden.
Wie groß ist die Gefahr einer Anaphylaxie?
Eine Anaphylaxie ist eine schwere allergische Reaktion, die mehrere Organsysteme betreffen und im Extremfall lebensbedrohlich werden kann. Bei Kindern gehören insbesondere Erdnüsse und Schalenfrüchte, aber auch Kuhmilch und Hühnerei zu den relevanten Auslösern nahrungsmittelbedingter Anaphylaxien.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes sensibilisierte Kind gefährdet ist.
Für unsere Einschätzung berücksichtigen wir gemeinsam:
▪️ Was ist tatsächlich passiert?
▪️ Welche Menge wurde gegessen?
▪️ Welche Organe waren betroffen?
▪️ Wie schnell begann die Reaktion?
▪️ Welche IgE- und Komponentenbefunde liegen vor?
▪️ Bestehen zusätzliche Risikofaktoren, beispielsweise ein nicht ausreichend kontrolliertes Asthma?
Nicht unnötig verbieten
Eine der wichtigsten Veränderungen in der modernen Allergologie lautet: Nicht vorsorglich immer mehr Lebensmittel weglassen.
Lebensmittel, die ein Kind bisher problemlos gegessen hat, sollten wegen eines zufällig positiven Allergietests in der Regel nicht einfach gestrichen werden. Unnötige Eliminationsdiäten schränken Kinder und Familien ein und können die Nährstoffversorgung erschweren.
Wenn Test und Krankengeschichte nicht eindeutig zusammenpassen, kann eine ärztlich überwachte orale Provokation Klarheit schaffen. Sie ist weiterhin der entscheidende Referenztest, wenn sicher geklärt werden muss, ob ein Lebensmittel tatsächlich allergische Beschwerden verursacht.
Und wenn eine echte Allergie besteht?
Dann erhält die Familie einen individuellen Behandlungs- und Notfallplan. Je nach Risiko gehören Antihistaminikum, gegebenenfalls weitere Notfallmedikamente und bei Anaphylaxierisiko ein Adrenalin-Autoinjektor dazu. Eltern und später auch das Kind sollten wissen, wann und wie er eingesetzt wird.
Für ausgewählte Kinder mit Erdnussallergie steht heute eine orale Immuntherapie als Behandlungsoption zur Verfügung; auch für Milch- und Eiallergien werden immuntherapeutische Verfahren eingesetzt bzw. weiterentwickelt. Sie gehören in allergologisch erfahrene Hände und ersetzen nicht die individuelle Risikoabwägung.
Nahrungsmittelallergien sind sehr unterschiedlich: Milch- und Eiallergien verlieren sich bei vielen Kindern wieder, Erdnussallergien bleiben häufiger bestehen, und hinter Reaktionen auf Obst oder Gemüse stecken nicht selten harmlose pollenbedingte Kreuzreaktionen.
Moderne Allergiediagnostik mit gezielter IgE- und Komponentendiagnostik sowie – wenn nötig – kontrollierter Provokation hilft uns, diese Unterschiede zu erkennen.
So viel Vorsicht wie nötig – so viel normaler Kinderalltag wie möglich.