Autismus
Wenn Kinder die Welt ein wenig anders wahrnehmen
Jedes Kind entwickelt sich auf seine eigene Weise. Manche Kinder sprechen später, spielen besonders gerne für sich, lieben feste Abläufe oder reagieren empfindlicher auf Geräusche, Berührungen und Veränderungen. Solche Besonderheiten sind häufig – und bedeuten noch lange nicht, dass ein Kind autistisch ist.
Bei einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kommen verschiedene Besonderheiten der Entwicklung zusammen. Vor allem Kommunikation, soziales Miteinander und die Verarbeitung von Eindrücken können anders funktionieren. Manche Kinder haben zudem sehr intensive Interessen oder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach vertrauten Abläufen.
Der Begriff „Spektrum“ ist dabei besonders wichtig: Autismus kann ganz unterschiedlich aussehen. Ein Kind spricht kaum und benötigt viel Unterstützung, ein anderes verfügt über eine sehr gute Sprache, besucht eine Regelschule und fällt vielleicht erst später durch Schwierigkeiten im sozialen Miteinander auf. Dazwischen gibt es sehr viele unterschiedliche Ausprägungen.
Früh erkennen – worauf können Eltern achten?
Erste Hinweise können bereits im Kleinkindalter sichtbar werden. Besonders wichtig ist nicht ein einzelnes Zeichen, sondern mehrere Auffälligkeiten, die über längere Zeit zusammen auftreten.
Achten Sie beispielsweise darauf, ob Ihr Kind:
▪️ wenig versucht, Ihre Aufmerksamkeit auf interessante Dinge zu lenken
▪️ selten zeigt oder deutet, um etwas mit Ihnen zu teilen
▪️ auf seinen Namen wiederholt wenig reagiert
▪️ Blickkontakt, Mimik und Gesten wenig zur Verständigung nutzt
▪️ wenig Interesse am gemeinsamen Spielen zeigt
▪️ Sprache auffällig spät oder ungewöhnlich entwickelt
▪️ Bewegungen, Wörter oder Spielabläufe häufig wiederholt
▪️ sehr stark an bestimmten Routinen oder Interessen festhält
▪️ ungewöhnlich empfindlich auf Geräusche, Berührung, Licht, Gerüche oder bestimmte Materialien reagiert
Ein hilfreicher Alltagstest
Zeigen Sie Ihrem Kleinkind beispielsweise auf einen Hund, ein Flugzeug oder etwas Spannendes.
Schaut es zum Gegenstand – und anschließend wieder zu Ihnen, um die Entdeckung mit Ihnen zu teilen?
Dieses gemeinsame Aufmerksamsein – die sogenannte „Joint Attention“ – ist ein wichtiger Entwicklungsschritt der sozialen Kommunikation.
Nicht nur auf die Sprache achten
Ein Kind, das mit zwei Jahren noch wenig spricht, ist nicht automatisch autistisch. Viele Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung holen später auf.
Aufmerksamer sollten wir werden, wenn zur Sprachverzögerung weitere Besonderheiten der sozialen Kommunikation hinzukommen: Das Kind zeigt wenig, sucht wenig gemeinsamen Austausch oder nutzt Sprache, Gestik und Blickkontakt kaum, um Erlebnisse mit anderen zu teilen.
Gut zu wissen
Auch guter Blickkontakt, Kuscheln oder eine normale Sprachentwicklung schließen Autismus nicht sicher aus.
Besonders bei sprachlich gut entwickelten Kindern und bei Mädchen können autistische Besonderheiten lange wenig auffallen oder durch erlernte Anpassungsstrategien verdeckt werden.
Kindergarten und Schule
– manchmal fällt es erst später auf
Manche Kinder entwickeln früh eine gute Sprache und fallen erst auf, wenn das soziale Leben komplizierter wird.
Hinweise können dann sein:
▪️ Schwierigkeiten, Freundschaften aufzubauen oder Gruppenregeln intuitiv zu verstehen
▪️ sehr wörtliches Verständnis von Sprache, Ironie oder Andeutungen
▪️ intensive Spezialinteressen
▪️ großes Bedürfnis nach festen Abläufen
▪️ Überforderung durch Lärm, Gruppen oder unerwartete Veränderungen
▪️ starke Erschöpfung nach Kindergarten oder Schule
Dabei können ähnliche Schwierigkeiten auch bei ADHS, Sprachentwicklungsstörungen, Ängsten, Hochbegabung oder anderen Entwicklungsbesonderheiten auftreten. Deshalb ist eine sorgfältige Diagnostik wichtig.
Was Eltern tun können
Wenn Sie Besonderheiten beobachten, hilft:
▪️ beobachten und notieren, wann Schwierigkeiten auftreten
▪️ Rückmeldung von Kindergarten oder Schule einholen
▪️ kurze Videos typischer Alltagssituationen können für das ärztliche Gespräch hilfreich sein
▪️ Sprache mit einfachen, klaren Sätzen begleiten
▪️ dem Kind ausreichend Zeit zum Antworten geben
▪️ Veränderungen möglichst vorher ankündigen
▪️ bei Reizüberflutung Ruhe und Rückzug ermöglichen
▪️ Interessen des Kindes nutzen, um Kontakt, Spiel und Kommunikation aufzubauen
Fragen Sie: was möchte mein Kind damit ausdrücken? Was überfordert – und was hilft ihm?
Wann ist eine Abklärung sinnvoll?
Bitte sprechen Sie uns an, wenn Sie über längere Zeit mehrere der genannten Auffälligkeiten beobachten oder Kindergarten bzw. Schule ähnliche Beobachtungen machen.
Besonders wichtig ist eine zeitnahe Abklärung, wenn ein Kind bereits erworbene Fähigkeiten wieder verliert – beispielsweise weniger spricht, nicht mehr zeigt oder deutlich weniger sozialen Kontakt aufnimmt. Ein Verlust von Sprache oder sozialen Fähigkeiten im Kleinkindalter sollte fachärztlich abgeklärt werden.
Wie wird Autismus festgestellt?
Es gibt keinen Bluttest, MRT-Befund oder Fragebogen, der Autismus feststellt.
Die Diagnostik betrachtet das ganze Kind: seine bisherige Entwicklung, Sprache und Kommunikation, Spielverhalten, soziale Interaktion, besondere Interessen und Verhaltensweisen sowie Beobachtungen aus Familie, Kindergarten oder Schule.
Je nach Fragestellung gehören dazu eine kinderärztliche Entwicklungsdiagnostik und anschließend eine spezialisierte sozialpädiatrische, kinder- und jugendpsychiatrische bzw. psychologische Autismusdiagnostik. Hör- und Sprachentwicklung sowie mögliche Begleiterkrankungen werden ebenfalls berücksichtigt. Routinemäßige umfangreiche medizinische Untersuchungen sind allein zur Autismusdiagnostik nicht erforderlich.
Früh helfen – welche Unterstützung gibt es?
Die Diagnose soll ein Kind nicht in eine Schublade stecken. Sie hilft vielmehr zu verstehen, warum bestimmte Situationen schwerfallen und welche Förderung wirklich nützt. Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt vom Alter, Entwicklungsstand und vom individuellen Unterstützungsbedarf des Kindes ab.
Für kleine Kinder: Frühförderung
Bei Entwicklungsauffälligkeiten können Interdisziplinäre Frühförderstellen bereits vor dem Kindergarten- und Schulalter unterstützen. Heilpädagogik, Psychologie, Logopädie, Ergo- und Physiotherapie können dabei miteinander verbunden werden.
In Augsburg ist insbesondere die Interdisziplinäre Frühförderstelle Hessing Kids eine wichtige Anlaufstelle. Dort werden Kinder mit Entwicklungs-, Sprach- und sozial-emotionalen Auffälligkeiten betreut – auch bei Verdacht auf Autismus.
Wenn mehr Unterstützung im Alltag nötig ist
Je nach Entwicklungsbedarf kommen auch eine Schulvorbereitende Einrichtung (SVE) oder eine Heilpädagogische Tagesstätte (HPT) infrage.
Dort werden Kinder in kleineren Gruppen intensiver begleitet und unter anderem in Kommunikation, Selbstständigkeit, sozialem Miteinander und Alltagsbewältigung gefördert.
In Augsburg gibt es verschiedene HPT- und Förderangebote; einzelne Einrichtungen haben besondere Erfahrung mit Kindern aus dem Autismus-Spektrum.
Wo wird Autismus genauer abgeklärt?
Für eine spezialisierte Diagnostik kommen in unserer Region insbesondere Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozialpädiatrie und spezialisierte Autismusdiagnostik infrage.
Wichtige Ansprechpartner sind beispielsweise:
▪️ Hessing Kids – Entwicklungsdiagnostik, Frühförderung und Autismusdiagnostik
▪️ KJF Fachklinik Josefinum – Kinder- und Jugendpsychiatrie / Autismus-Ambulanz
▪️ Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) – bei komplexen Entwicklungsauffälligkeiten
▪️ Kompetenzzentrum Autismus Schwaben-Nord – Beratung, Orientierung und Vermittlung geeigneter Hilfen
▪️ Autismus Zentrum Schwaben – autismusspezifische Förderung, unter anderem auch in Königsbrunn und Aichach
Entscheidend ist nicht, ein Kind möglichst „normal“ zu machen. Gute Förderung setzt bei seinen Stärken und Bedürfnissen an und hilft ihm, Kommunikation,
Gut zu wissen
Eltern müssen diesen Weg nicht alleine organisieren.
Nicht jedes Kind benötigt das gleiche Programm: Manchmal reicht Beratung und Frühförderung, manchmal sind eine spezialisierte Diagnostik, eine SVE oder HPT und eine längerfristige autismusspezifische Förderung hilfreich.
Autistische Kinder sind so unterschiedlich wie alle anderen Kinder auch. Erkennen kann helfen, Missverständnisse und Überforderung zu vermeiden und Unterstützung rechtzeitig einzuleiten. Gleichzeitig sollte nicht jede Besonderheit vorschnell als Autismus bewertet werden.
Wenn Sie bei der Entwicklung, Sprache oder dem Verhalten Ihres Kindes unsicher sind, sprechen Sie uns gerne bei der Vorsorge oder über unseren Praxis-Chat an. Gemeinsam können wir einordnen, ob weitere Diagnostik notwendig ist und welcher nächste Schritt sinnvoll wäre.