Sparen auf dem Rücken unserer Kinder?

Was das neue GKV-Spargesetz für Familien und unsere Praxis bedeutet

Bestimmt haben Sie davon gehört: Im Gesundheitswesen muss gespart werden.

Dass angesichts ständig steigender Kosten Reformen notwendig sind, ist unstrittig. Was ich allerdings für falsch halte, ist, dass ausgerechnet die ambulante Versorgung von Kindern und Jugendlichen dabei so stark unter Druck gerät.

Denn dort wird vergleichsweise kostengünstig behandelt, beraten, vorgebeugt und oft verhindert, dass Erkrankungen überhaupt entstehen oder später eine teure Behandlung notwendig wird.

Das neue GKV-Spargesetz begrenzt ab 2027 die finanziellen Mittel für Arztpraxen deutlich stärker. Allein im ambulanten Bereich sollen im kommenden Jahr rund drei Milliarden Euro eingespart werden. Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung entspricht das bundesweit einem Volumen von rund 46 Millionen Behandlungsfällen, die künftig nicht mehr finanziert sind.

Das Wichtigste vorweg:

Akut kranke Kinder und medizinische Notfälle werden wir selbstverständlich weiterhin versorgen. Aber wir werden unser zusätzliches Termin- und Leistungsangebot stärker daran anpassen müssen, was die gesetzlichen Krankenkassen tatsächlich finanzieren.

Sparen – aber nicht bei unseren Kindern

Seit 30 Jahren stehe ich für eine qualitätsorientierte Kinder- und Jugendmedizin. In dieser Zeit sind Vorsorge, Impfungen, Entwicklungsdiagnostik und Beratung stetig gewachsen – die Finanzierung durch die Krankenkassen ist mit diesen zusätzlichen Leistungen und den steigenden Praxiskosten jedoch längst nicht ausreichend mitgewachsen.

Dabei ist gute Kindermedizin eine der sinnvollsten Investitionen überhaupt: Was wir früh in Gesundheit, Prävention und Entwicklung investieren, zahlt sich oft ein Leben lang aus.

Deshalb möchte ich gemeinsam mit meinem Team genau diese Medizin erhalten – mit Zeit, Qualität und persönlicher Zuwendung für unsere Kinder und Familien.

Vorsorge ist kein Kostentreiber

Gerade die geplante Begrenzung von Vorsorge- und Präventionsleistungen ist für mich schwer nachvollziehbar.

Vorsorgeuntersuchungen sind gesetzlich vorgesehen. Jedes Kind erhält eine bestimmte Vorsorge genau einmal im dafür vorgesehenen Alter. Auch Impfungen erfolgen nach klaren medizinischen Empfehlungen.

Hier kann eine Praxis also nicht einfach immer mehr Leistungen „produzieren“.

Es gab bei diesen Leistungen keine beliebige Mengenausweitung: Wir setzen das um, was für Kinder medizinisch vorgesehen und empfohlen ist.

Umso problematischer ist es, wenn künftig auch solche Leistungen in ihrer Finanzierung begrenzt werden. Besonders leistungsstarke Praxen, die viele Kinder betreuen und entsprechend viele Vorsorgen und Impfungen durchführen, können dadurch an finanzielle Grenzen stoßen. Genau vor diesem Effekt wird auch in der kinderärztlichen Analyse des neuen Gesetzes gewarnt.

Eine Vorsorge weniger spart vielleicht heute Geld. Gute Prävention soll aber gerade verhindern, dass morgen Krankheit und höhere Kosten entstehen.

Gut zu wissen:

Vorsorgen und Impfungen werden nicht abgeschafft
Problematisch ist, dass die Finanzierung dieser Leistungen künftig begrenzt werden kann. 
Das ist ein wichtiger Unterschied – für eine Praxis, die viele Kinder versorgt, kann die Leistungskürzung erheblich sein.

Mehr leisten – weniger bekommen?

Besonders schwer verständlich ist eine weitere Folge:

Je mehr Kinder eine Praxis versorgt und je mehr Leistungen sie erbringt, desto schlechter kann künftig ihre Wirtschaftlichkeit werden.

Steigt die Zahl der Patienten gegenüber dem Vorjahr, können für zusätzliche Leistungen Abschläge greifen. 

Gleichzeitig steigen die tatsächlichen Kosten einer großen Praxis
Wir brauchen mehr Personal, mehr Räume, mehr Organisation, mehr IT und mehr Zeit.

Schon in den vergangenen Jahren wurden diese Kostensteigerungen keineswegs vollständig durch höhere Vergütungen ausgeglichen. Die neuen Sparvorgaben verschärfen dieses Problem weiter.

Kinderarztpraxen sind zudem starken Schwankungen ausgesetzt. Eine heftige RSV- oder Grippewelle, viele Neugeborene, neue Wohngebiete oder die Schließung einer anderen Praxis führen schnell zu deutlich mehr Patienten.

Wir können einem kranken Kind aber nicht sagen: „Dieses Jahr haben wir schon zu viele Kinder behandelt."

Genau darin liegt das Paradoxon: Medizinisch sollen und wollen wir mehr leisten – wirtschaftlich wird zusätzliche Leistung zunehmend unattraktiv. Die Analyse der neuen Regelungen beschreibt genau dieses Risiko: Mehr Patienten verursachen reale zusätzliche Personal- und Praxiskosten, während zusätzliche Leistungen künftig nicht zwingend vollständig vergütet werden.

Unser Rundum-Service

Viele Familien kennen uns seit Jahren und wissen, dass wir bewusst mehr als die klassische Sprechstunde anbieten.

Ein gutes Beispiel ist unser sehr beliebter Praxis-Chat. Dort beantworten wir täglich medizinische Fragen, beurteilen Beschwerden und geben häufig innerhalb kurzer Zeit eine konkrete Empfehlung.

Eine eigene angemessene Finanzierung für diesen zusätzlichen Service gibt es nicht.

Ähnlich ist es bei den zahlreichen Fragen, die eigentlich andere Fachgebiete betreffen: Hautprobleme, Augenbeschwerden, orthopädische Fragen, HNO-Probleme und vieles mehr. Wir wissen, dass Familien auf einen Facharzttermin stets lange warten müssen. Deshalb versuchen wir, auch bei fachärztlichen Fragestellungen, unkompliziert und rasch weiterzuhelfen.

Damit haben wir über Jahre einen erheblichen Teil zusätzlicher Versorgung übernommen – freiwillig, schnell und ohne zusätzliche Kosten für unsere Familien.

Darauf sind wir auch ein wenig stolz. Aber dieser Rundum-Service kostet jeden Tag sehr viel ärztliche und personelle Zeit.

Unser Rundum-Service ist bedroht

Das ist wahrscheinlich die für unsere Familien wichtigste Konsequenz.

Wir möchten die Qualität unserer eigentlichen medizinischen Arbeit nicht reduzieren. Ein Kind soll bei uns weiterhin sorgfältig untersucht und eine Familie vernünftig beraten werden.

Wenn aber weniger Versorgung finanziert wird, während unsere Kosten weiter steigen, müssen wir an anderer Stelle reagieren.

Das kann bedeuten, dass es weniger zusätzliche Termine für planbare Anliegen gibt, Vorsorgetermine früher vereinbart werden müssen und wir stärker danach unterscheiden müssen, welche Anliegen wirklich einen kurzfristigen Arztkontakt benötigen.

Auch unsere freiwilligen Zusatzleistungen werden wir überprüfen müssen. Nicht jede zusätzliche Beratung, jede fachfremde Anfrage und jeder bisher selbstverständlich eingeschobene Service wird dauerhaft in demselben Umfang möglich sein.

Das fällt uns schwer, weil genau diese unkomplizierte Rundumversorgung unsere Praxis über viele Jahre ausgezeichnet hat.

Jetzt brauchen wir Ihr Verständnis

Wir möchten Sie frühzeitig darüber informieren – nicht erst dann, wenn Sie vielleicht einmal keinen gewünschten Termin bekommen.

Bitte verstehen Sie mögliche Einschränkungen nicht als fehlende Hilfsbereitschaft unseres Teams.

Unsere Mitarbeiterinnen versuchen jeden Tag, für Familien Lösungen zu finden. Sie können aber keine zusätzlichen Termine schaffen, wenn unsere personellen und finanziellen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Deshalb hilft uns sehr:

  • Vorsorgetermine möglichst frühzeitig zu vereinbaren,
  • nicht benötigte Termine rechtzeitig abzusagen,
  • mehrere Anliegen sinnvoll zu bündeln und
  • Verständnis dafür zu haben, wenn wir künftig bei freiwilligen Zusatzleistungen Grenzen setzen müssen.

Vor allem bitten wir darum, einen möglichen Frust über fehlende Termine nicht an unseren Mitarbeiterinnen auszulassen. Die politischen Rahmenbedingungen werden nicht an unserer Anmeldung gemacht.

Wir werden auch unter schwierigeren Bedingungen dafür kämpfen, eine hochwertige Kinder- und Jugendmedizin zu erhalten.

Akut kranke Kinder und Notfälle werden selbstverständlich weiterhin versorgt. Wir werden Untersuchungen nicht oberflächlicher machen und medizinische Entscheidungen weiterhin ausschließlich danach treffen, was für ein Kind notwendig und sinnvoll ist.

Aber wir können politische Sparvorgaben nicht dauerhaft dadurch ausgleichen, dass unser Team immer mehr unbezahlte Arbeit übernimmt.

Deshalb bitten wir unsere Familien um Verständnis und Solidarität, wenn wir unseren bisherigen Rundum-Service künftig an einigen Stellen einschränken müssen.

Unser Ziel bleibt dasselbe:

Zeit für gute Medizin. Zeit für Kinder. Und eine Kinderarztpraxis, die auch morgen noch zuverlässig für ihre Familien da sein kann.

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